Mediale Fairness in Bezug auf Israel ist doch nicht zu viel verlangt?

zuletzt aktualisiert: 19.01.2013

Die Diskrepanz zwischen den Ist- und den Soll-Debatten

Umfragen zeigen, dass, wenn es jetzt eine Wahl in der Westbank gäbe, die Hamas die Kontrolle des Westjordanlandes übernehmen würde – die gleiche Terrororganisation, die erst vor wenigen Wochen aus dem Gaza-Streifen 1.500 Raketen auf Israel abgefeuert hat und nicht müde wird zur Zerstörung Israels aufzurufen, würde jenen „Staat“ regieren, den die Mehrheit der UN-Staaten als NMS erhob. Gleichzeitig rief Ministerpräsident Fayyad eine Wirtschaftsintifada aus, wie Libanon und Jordanien verweigert Präsident Abbas den palästinensischen Flüchtlingen aus Syrien humanitäre Hilfe und es gibt  Meldungen darüber, dass Palästina pleite ist.
Syrien steckt inmitten eines tödlichen Bürgerkriegs mit bisher über 60.000 Todesopfern, darunter übrigens mehrere Hundert Palästinenser. Ägyptens neue Regierung wird von Islamisten gesteuert. Die Hisbollah im Libanon verfügt über mehr als 40.000 Raketen. Der „arabische Frühling“ ist zu dem geworden, was Israel prophezeite. Und Iran meldet Erfolg bei der  angestrebten Atomwaffen-Fähigkeit.

Der jüdische Staat ist von allen Seiten, auf denen menschenverachtende Regime ihr Volk drangsalieren, auf die ein oder andere Weise bedroht. Gleichzeitig wird kein andrer Staat so obsessiv mit Kritik begleitet, von den zahlreichen tatsächlichen Unrechtsschauplätzen auf der Welt ganz zu schweigen.  Also wo bleibt das Mindestmaß an Proportionalität hinsichtlich der Themenfokussierung der Medien? Wo kann man von einem Hauch an Empathie mit den Israelis und Verständnis für die Schutzmaßnahmen des jüdischen Staates, mit einer fairen und ausgewogenen Gegenüberstellung der Realitäten in Nahost und eine Diskussion um die Verantwortung Europas und der internationalen Gemeinschaft für Israel, die leidende Bevölkerung der Nachbarländer und vor allem für sich selbst und die Zukunft der westlichen freiheitlichen Werte lesen?

Stattdessen wird eine weitere mediale Schlacht entbrannt, und dies ein knappes Jahr nach Grass, der wie ein Märtyrer der deutschen Volksseele und von Cicero auf Platz eins der 500 wichtigsten Intellektuellen Deutschlands gefeiert wurde,  nach Gewaltakten und Drohungen gegen Juden in Deutschland,  nach der Beschneidungsdebatte, die über das Sommerloch hinaus abgründigste Ressentiments und empörteste Bevormundungstiraden gegenüber Juden und Muslimen hervorrief, nach dem skandalösen Preis für die BDS-Unterstützerin Judith Butler, nach dem eskalierenden Terror der Hamas, der erst durch die Operation Wolkensäule vorrübergehend eingedämmt werden konnte (wobei die Ruhe am Gazastreifen brüchig ist und die 3. Intifada laut IDF längst begonnen hat),  nach der Empörungswelle über die israelischen Bebauungspläne von E1.

Zum Stein des ersten großen Anstoßes 2013 entwickelte sich der Umstand, dass das Simon Wiesenthal Center auf seiner jährlichen Liste der extremsten antisemitischen und antiisraelischen Verunglimpfungen 2012 eine markante deutsche Quelle von vor Israelhass-strotzenden Ausfällen aufführte.

Statt dass sich die Aufmerksamkeit der Medien auf die sich zuspitzenden Gefahren in Nahost richten, oder aber eine gesunde Debatte über den Antisemitismus in Deutschland zu führen, stürzen sie sich auf die Ankläger des sich derzeit vor allem in purem Israelhass äußerden Antisemitismus in reflexhaft ver- und aburteilender Weise.
Dem vorherrschenden deutschen Bedürfnis der Schuldentlastung Rechnung tragend, liefern die Medien die Vorlage für den öffentlichen Tenor und bieten zugleich Auslöser, Plattformen und Zunder für Ressentiment-geladene Schlammschlachten, in denen Israel und Juden gleichermaßen dämonisiert werden, ohne dass die eigentlichen oder gar wichtigere Themen im Fokus stehen.

Wie kommt es aber zu derart frappanten Diskrepanzen zwischen den Ist- und den Soll-Debatten?
Wie kommt es zu dem bei jedem Israel oder Juden betreffenden Topic auftretenden Ablenkungs-Phänomen, infolge dessen sich keine der Debatten mehr ums Thema dreht, sondern jedem selbsternannten Experten und in den Medien und auf den Sekundärplattformen wie Talkbacks, Leserbriefen, Soziale Medien, etc die Bühne für die Verbreitung von Unkenntnis, Voreingenommenheit, Einseitigkeit, Stereotype, Hass, und eben auch Antisemitismus und Hetze gegen Israel geboten wird – und zwar nicht nur ohne Widerspruch der Medien, sondern gar durch konstante Wiederholung und Aufrechterhaltung eben dieser Verzerrungen? Weshalb stellen sich die Medien einfach nicht ihrer Mitverantwortung, dass in den sich gegen Israel und die Juden aufbäumenden Hass- und Hetzwellen geradezu himmelschreiend offensichtlich wird, dass  die Grundlagen zum Verständnis der höchst komplexen Thematik durch Funk-, TV- und Print-Medien gar nicht erst gegeben sind?

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Ein Shift in der Wahrnehmung

Um die harmloseste Variante zu schildern, wie es zu dieser weit verbreiteten Verschiebung der Wahrnehmung, wann immer es um Israel geht, kommt, sei Richard C. Schneider zitiert:  „… und manchmal kann man als Journalist auch den Fehler machen, statt die Problematik anschaulich zu vereinfachen, damit Otto Normalzuschauer den komplexen Zusammenhang einigermaßen begreifen kann, sie so zu simplifizieren, daß es fast schon fahrlässig ist…“.

Den ausschlaggebenden Richtungszeig weg von der eigentlich geforderten Fokussierung auf eine sachliche, ausgewogene Berichterstattung und eine ressentimentfreie und faire Diskussions- und Debattenführung rund um Israel und der damit verbundenen pathologischen deutschen Israelkritik mitsamt ihren Auswüchsen, liefern leider immer wieder die Mainstream-Medien, indem sie die Perzeption der entstehenden Debatten maßgeblich durch ihre einseitige Berichterstattung und das nahtlose Abgleiten dieser in tendenziöse Kommentare erst ermöglichen. Jeder Kritik daran begegnen sie mit der Leugnung ihrer Mitverantwortung und immunisieren sich gegenseitig gegenüber denjenigen, die auf die einhergehenden skandalösen Auswüchse hinweisen.

Das Unterfangen Einiger, die auf diesen Shift hinweisen, dass sowohl in Berichterstattung, als auch nach Aufkommen o.g. Debatten die Medien in der Handhabung eines Israel-Themas tendenziös seien, die Tatsachen verzerrten, Kontexte außer Acht und ihre überbordende und manchmal vor den drei D’s strotzende „Israelkritik“ ( -> Dämonisierung, Delegitimation und Doppelstandardt -)  teils in Form permanenter antiisraelischer Polemik in vermeintlich sachliche Darstellungen einfließen ließen, ist in Deutschland zum Scheitern verurteilt.

Kein Wunder, dass sich die öffentliche Meinung daran ausrichtet und der mediale und somit auch der eigene Shift von der objektiven bis kritischen hin zur falschen Wahrnehmung für die Mehrheit nicht bemerkbar ist und sich so Journalisten wie Medienkonsumenten gleichermaßen im Bereich des Fairen und der angemessenen Kritik glauben.

Sei es die naive Umkehr der atomaren Bedrohungslage in Nahost, seien es die im Gegensatz zu Raketen auf Zivilisten die menschenverachtender Weise alles in Schatten stellenden Siedlungspläne, sei es der Aufruf zum Boykott von Produkten aus Israel, sei es die Annahme, alles was die UN täte wäre ausgewogen und den Nahen Osten befriedend, sei es, der Jude würde religionsfanatisch und vor allem von Nicht-Juden unbelehrbar an biblischen blutrünstigen Ritualen festhalten, die es gilt ihm auszutreiben: über jene, die diese Verzerrungen versuchen richtig zu stellen und die damit sehr häufig einhergehende Rhetorik als antisemitisch anmahnen, bricht der ungezügelte kollektive Zorn herein ( – siehe zum aktuellen Fall den Blogtext „Freispruch für Deutschland“ sowie diese Textsammlung und zahlreiche Beiträge in Blogs wie achgut u.v.a.m., die in der Blogroll zu finden sind).

Wer also in Deutschland auf Antisemitismus hinweist oder Israelbashing als solches bezeichnet, eröffnet nicht wie beabsichtigt eine Debatte über eben diese Tatsache, sondern gerät ins Kreuzfeuer der schmerzlich getroffenen schuldentlastungsreflexbehafteten deutschen Befindlichkeitsverteidiger, die sich zu gern als Alibi auch jüdische Stimmen in den Ring holen.

Leider wird bei jedem dieser sich entfachenden medialen Highlights versäumt, diese zur Selbstreflektion zum Anlass zu nehmen und zu fragen, warum eine dermaßene Diskrepanz zwischen den Vorwürfen des Antisemitismus und Antiisraelismus gegenüber der Einschätzung der Medien und Öffentlichkeit bzgl. der Debatteninhalte besteht.
Es tritt eine Verweigerungshaltung der Medienmacher und Medienkonsumenten gleichermaßen zutage, sich keinesfalls damit auseinander zu setzen, ob denn an diesem Vorwurf etwas dran sein könnte. Diese äußert sich in einem umfassenden Abwehrreflex und Gegenangriff gegen die Mahner.

Gäbe es sie nicht, die medial verbreitete Mär vom rachsüchtigen Israel, dann wäre vielleicht die Saat nicht dafür gesät, dass die Mehrheit der Deutschen von Israel nur Schlechtes denkt, dann wäre vielleicht die Saat dafür nicht gesät, dass Antisemiten wie Grass oder Augstein kollektiv in Schutz genommen würden, dann wäre vielleicht die Saat dafür nicht gesät, dass deutsche Schulbücher mit falschen Inhalten zu Israel publiziert werden können, Deutsche keine Waren aus Israel boykottieren würden, Juden nicht auf der Straße angegriffen würden, etc etc etc.
Die vermeintliche „Fahrlässigkeit“, von der R. C. Schneider sprach, scheint nur das geringste Problem, sondern die Sorge ist gerechtfertigt, dass der Medientenor gegenüber Israel und seine Verteidiger mutwillig bösartig und je nach der dahinterstehenden Ideologie – sei es rechts oder links, ja, links – auch antisemitisch sein kann.

Die mediale Unfairness im Umgang mit Israel war schon öfter Thema dieses Blogs wie bspw. in Pressekodex versus Medienberichterstattung über den Nahen Osten, daher an dieser Stelle lediglich zwei aktuelle Beispiele hierfür – ein Video zu ‚Israel in den Nachrichten‘ sowie dieses Beispiel des ZDF (jeweils in Bezug auf die israelische Militäroperation). Und dass es zur deutschen journalistischen Befindlichkeit gehört, an Israel kein gutes Haar zu lassen, und dies als objektive, legitime Kritik zu labeln, wird aktuell im Fall des Schulterschlusses mit einem publizierenden notorischen Israelhasser überdeutlich.

Die Medien als die „vierte Gewalt“ sollten sich eigentlich ihrer Verantwortung und den erforderlichen Standards für ihre Arbeit bewusst sein. Pressekodex hin oder her, in Bezug auf Israel und Antisemitismus scheint er außer Kraft gesetzt, weshalb im Folgenden zwei Forderungskataloge an die Medien zu diesen Themen vorgestellt werden.

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13 Resolutionen für 2013

Die Medien-Beobachtungs-Initiative CAMERA fasste anlässlich des Jahreswechsels die im Folgenden übersetzten 13 Resolutionen zusammen, die wünschenswert wären, 2013 von den Medien berücksichtigt zu werden:

1. Hören Sie auf, Falschmeldungen über Gaza zu verbreiten
Gaza ist nicht besetzt, kein „Straflager“ und den Menschen ist das Fischen erlaubt. Die Palästinenser in Gaza rangieren bei zahlreichen Indikatoren vor dem Durchschnitt in der arabischen Welt: Gesundheitsversorgung, Impfungen, Bildung, Ernährung, Langlebigkeit und geringe Kindersterblichkeit. Israel zog jeden einzelnen Soldaten, Zivilisten und sogar jeden beigesetzt Körper aus Gaza im Jahr 2005 ab. Die israelische Seeblockade des Gazastreifens ist legitim und Israel kontrolliert auch nicht alle Gaza-Grenzen – Gaza hat eine Grenze mit Ägypten, die Ägypten kontrolliert. Die Hamas regiert den Gazastreifen und trägt die Verantwortung für alle Leiden auf Seiten der Bewohner.
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2. Hört auf, Mahmoud Abbas einen „Moderaten“ zu nennen.
Der Führer der Fatah wird immer wieder als „moderat“ beschrieben, trotz der Tatsache, dass Abbas, Arafat und ein paar Kollegen die Fatah 1959 gegründet haben, um Israel zu „befreien“ – nicht die West Bank (damals von Jordanien besetzt) oder den Gazastreifen (damals von Ägypten besetzt); trotz der Tatsache, dass Abbas weiterhin sein Volk gegen Israel aufhetzt, dass er mit Israel zu verhandeln ablehnt, und dass er eine Doktorarbeit mit dem Titel „Die andere Seite: Die geheimen Beziehungen zwischen dem Nationalsozialismus und der zionistischen Bewegung“ schrieb, in der er die Schwere des Holocaust leugnet und behauptet, es gebe „eine geheime Beziehung zwischen dem Nationalsozialismus und der zionistischen Bewegung“; trotz der Tatsache dass die PA Medien weiterhin terroristische Mörder als „Helden“ loben und israelische Städte als Teil von “ Palästina“ beschreiben. Was ist daran moderat?
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3. Benennen Sie Terroristen als „Terroristen“, nicht „Militante“.
Wikipedia: >>Unter Terrorismus (lat. terror „Furcht, Schrecken“) sind Gewalt und Gewaltaktionen (wie z. B. Entführungen, Attentate, Sprengstoffanschläge etc.) gegen eine politische Ordnung zu verstehen, um einen politischen Wandel herbeizuführen. Der Terror dient als Druckmittel und soll vor allem Unsicherheit und Schrecken verbreiten oder Sympathie und Unterstützungsbereitschaft erzeugen. … Ziel der Terroristen ist, auf ihre politischen, moralischen oder religiösen Anliegen aufmerksam zu machen und deren Beachtung oder Umsetzung mit Gewalt zu erzwingen.<<
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4. Berichten Sie korrekt über den Sicherheitszaun.
Der Sicherheitszaun ist ein gewaltfreier Weg, um den Terrorismus zu reduzieren und er ist äußerst wirksam bei der Rettung von Menschenleben – jüdischen und nicht-jüdischen. Er wurde als Reaktion auf die zweite „Intifada“ gebaut und hat maßgeblich die Terroranschläge, die aus der West Bank heraus verübt wurden, reduziert. Er ist kein „eiserner Vorhang“, er umgibt nicht „vollständig Bethlehem“ und er ist zu 95% keine keine „Mauer“.
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5. Berichten Sie, dass es die palästinensischen Araber sind – nicht Israel -, die sich den Friedensverhandlungen verweigern.
Während Israel wiederholt palästinensische Führer eingeladen hat, an den Verhandlungstisch zu Friedensgesprächen zurückzukehren, haben sie darauf bestanden, dass Israel zuerst ihre Bedingungen erfüllt. Auch nachdem Israel im Jahr 2009 ein 10-Monats-Moratorium für neue Siedlungen verkündete, verweigerte Mahmoud Abbas Gespräche, bis das Moratorium endete, danach tat er wieder so, als lehne Israel Verhandlungen ab.
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6. Berichten Sie über die ständige Anstiftung zum Hass gegen Juden und Israel in den palästinensischen Medien, Schulen und der Öffentlichkeit.
Wichtige Medien haben über viele Jahre hinweg nicht, genauer gesagt, nicht konsequent und nicht mit der gebotenen Prominenz über die allgegenwärtige Völkermordrhetorik gegen Israel und das jüdische Volk berichtet. Verleumdungen, falsche Beschuldigungen, dass Juden Kinder ermorden, ist ein beliebtes Thema der arabischen Medien. Palestinian Media Watch hat zahlreiche Fälle der Entmenschlichung und Verunglimpfung von Juden und Israelis durch die PA dokumentiert.
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7. Berichten Sie über die jüdischen Flüchtlinge aus arabischen Ländern.
Die Medien berichten häufig über palästinensische Flüchtlinge, jedoch nicht über die 850.000 Juden in den arabischen Ländern, die zwischen 1947 und 1972 enteignet und zur Flucht gezwungen wurden. Alte jüdischen Gemeinden in den arabischen Ländern existierten seit Jahrtausenden bis die Arabische Liga 1947alle Juden als Feinde des Staates definierten. Staatlich sanktionierte Gewalt, willkürliche Verhaftungen und Vertreibungen folgten. Arabischen Regierungen beschlagnahmten Milliarden Dollar jüdischen Eigentums. Die Gesamtfläche des beschlagnahmten Landes von diesen Juden ist fünf Mal so groß wie der Staat Israel. CAMERA hat die Geschichte der jüdischen Flüchtlinge aus arabischen Ländern umfangreich dokumentiert.
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8. Nehmen Sie davon Abstand, dass der israelisch-palästinensische Konflikt der Kern aller Probleme im Nahen Osten ist.
Die Ausdrücke „der Nahost-Konflikt“ und „der Friedensprozess im Nahen Osten“, die auf die israelisch-palästinensischen Angelegenheiten angewendet werden, waren schon immer mehr Übertreibungen als Synonyme. Der Iran-Irak-Krieg und der algerische Bürgerkrieg sind Beispiele für inter-arabisches Blutvergießen – dagegen sind die israelisch-palästinensischen Konflikte Zwerge. Andere Beispiele sind der libanesische Bürgerkrieg von 1975 bis 1990, mit Hunderttausenden von Opfern und Syriens Vernichtung der Muslimbruderschaft in Hama im Jahr 1982, mit geschätzten 10.000-40.000 Todesopfern. Heute tobt ein blutiger Bürgerkrieg in Syrien mit über 60.000 Toten und weiteren Zehntausenden Verletzte. Der „arabische Frühling“ beweist deutlich, dass Unruhen im Nahen Osten häufig nichts mit Israel zu tun haben, jedoch um Einiges blutiger und opferreicher sind.

9. Berichten Sie über das wirkliche Elend der Frauen, Homosexuellen, religiösen und ethnischen Minderheiten in den arabischen und muslimischen Ländern.
Die Rechte der Frauen sind massiv eingeschränkt in den arabischen Ländern, in denen so genannte „Ehrenmorde“ immer noch verbreitet und weitgehend ungestraft sind. Homosexuelle Iraner, wenn sie erwischt werden, werden exekutiert. Homosexuelle in Saudi-Arabien, wenn sie festgenommen werden, werden bestenfalls ausgepeitscht oder eingesperrt. In Gaza sind homosexuelle Handlungen rechtswidrig und werden mit Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren Gefängnis geahndet. Palästinensische Christen, wie andere religiöse und ethnische Minderheiten im Nahen Osten, sind das Ziel von Misshandlungen, Schikanen und in einigen Fällen gewaltsamer Unterdrückung von ihren muslimischen Nachbarn.

10. Berichten Sie, dass sowohl die Hamas-Charta und die Fatah-Verfassung zur Zerstörung Israels aufrufen.
Die Hamas-Charta fordert den Jihad gegen Israel und berücksichtigt keine politische Lösung. „Israel existiert und wird weiter existieren, bis der Islam es beendet“, lautet ein einleitendes Zitat auf dem Dokument. Sie kündigen auch genozidale Gewalt an, indem die Hamas den „Kampf mit den Juden über Israel hinaus“ erstreckt. Die Verfassung der Fatah-Bewegung fordert ebenfalls die „vollständige Befreiung Palästinas und Tilgung der zionistischen wirtschaftlichen, politischen, militärischen und kulturellen Existenz durch Gewalt“ und berücksichtigt ebenfalls keine politischen Lösungen.
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11. Hören Sie auf, darauf anzuspielen, dass Israels Demokratie bedroht ist.
In diesem Moment ermordet das syrische Regime seine eigenen Bürger. Libanon ist von einer terroristischen Gruppe, der Hisbollah, unterlaufen. Jordanien ist eine absolute Monarchie, die vor kurzem die Staatsbürgerschaft von Tausenden von Einwohnern palästinensischer Herkunft widerrufen hat. Gaza wird von der Hamas, einer terroristischen Gruppe, die seit Jahren keine Wahlen zuließ, und die West Bank von einer korrupten Kleptokratie geführt. Diese Regierungen sind wirklich in Frage zu stellen, unter denen ihre eigenen Bürger leiden, doch Israels Innenpolitik zieht den Löwenanteil der Aufmerksamkeit durch die Medien auf sich und erntet in der Regel irrationale und dramatisierende Kritik für seine funktionierende Demokratie.
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12. Konzentrieren Sie sich weniger auf Israel.
Wenn die Medien nicht so sehr von Israel besessen wären, stellen Sie sich vor, wie viele Druckspalten und Sendezeit frei wäre, um sich mit anderem zu beschäftigen … der chinesischen Besetzung Tibets, die fortgesetzte Inhaftierung von Christen im Iran und zahlreichen anderen arabischen Ländern, die tödlichen türkischen Angriffe auf die Kurden, die Brutalität der Polizei in dem gesamten arabischen Nahen Osten, die Lage in Liberia, Angola, Kongo, Elfenbeinküste und der von den anderen Flüchtlingen. Und ganz zu schweigen von den weltweit führenden Durchbrüchen in Medizin, Landwirtschaft, Kommunikation, Mikrotechnik und anderen Bereichen rund um den Globus, an denen übrigens zahlreiche Israelis beteiligt sind.
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13. Folgen Sie dem Ethik-Kodex
Aus der Präambel der Gesellschaft Professioneller Journalisten: „Die Mitglieder der ‚Society of Professional Journalists’ glauben, dass öffentliche Aufklärung der Vorläufer der Gerechtigkeit und das Fundament der Demokratie ist. Die Pflicht des Journalisten ist es, dies durch Wahrheit und eine faire und umfassende Darstellung der Ereignisse und Themen zu fördern.“
Nur so als Erinnerung.
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(Anm. d Red.: Darüber hinaus ist wünschenswert, würden Sie ebenfalls aufhören, den Mythos illegaler Siedlungen zu verbreiten, Irans Drohungen zu verharmlosen oder den Irrglauben über die vermeintlich bindenden UN-Vollversammlungsresolutionen zu verbreiten.)

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Ethischer 10-Punkte-Code für den Umgang mit Antisemitismus

Auch schlägt Shimon Samuels im Tagesspiegel einen „ethischen Code zum Umgang mit Antisemitismus“ vor, der nicht zuletzt an die Medien gerichtet ist:

1. Israel hat das Recht, nach den gleichen Maßstäben wie andere Staaten beurteilt zu werden.

2. Debatten über die Politik Israels sind legitim, sofern sie sich auf derselben Ebene bewegen wie die Kritik an der Außen- oder Innenpolitik aller anderen Staaten.

3. Die Bürger Israels und die jüdischen Minderheiten auf der Welt tragen einzeln und als Gruppe dieselben Rechte und Pflichten wie alle anderen ethnischen, religiösen oder nationalen Gemeinschaften.

4. Kritik an Israel und an jüdischen Gemeinschaften schließt bewusst aus, dass in bösartiger Absicht Parallelen zum Holocaust gezogen werden und antisemitische Stereotype verwendet werden, zum Beispiel Gottesmord, Blutanklage, die Protokolle der Weisen von Zion, Weltherrschaft, Verschwörungstheorien, das Bild des jüdischen Wucherers.

5. Wenn Medien Boykottdrohungen gegen Israel unterstützen, entspricht das dem Tatbestand der Diskriminierung und verletzt den Grundsatz der Wirtschaftsfreiheit.

6. Medien, die Antisemitismus verbreiten, befördern auch andere Formen der Diskriminierung (aufgrund von Nationalität, Ethnie, Glauben, Geschlecht).

7. Juden sind oft ein taktisches Ziel für jene, denen es darum geht, die Demokratie insgesamt zu diskreditieren. Simon Wiesenthal sagte dazu: „Was mit den Juden beginnt, hört niemals mit ihnen auf.“

8. Journalisten sind verantwortlich für das, was sie schreiben. Wer zu Hass und Gewalt anstachelt, trägt deshalb eine Mitschuld.

9. Wer willentlich und absichtlich den Staat Israel delegitimiert, muss damit rechnen, öffentlich zur Rechenschaft gezogen oder gar verklagt zu werden.

10. Das Internet verstärkt den Einfluss von Schmähungen. Es schafft Anknüpfungspunkte dafür, dass immer wieder neuer Hass entsteht. Das muss Journalisten besonders bewusst sein.

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Leseempfehlungen zur Rolle der Medien in der aktuellen Antsemitismus- vs. „Israelkritik“-Debatte

Dass bspw. die taz mit „Der ewige Israeli“ und „So ist Israelkritik politisch korrekt“ in vermeintlicher Selbsterkenntnis ironische Texte veröffentlichte, die Redakteuren und Korrespondenten eben diesen umfangreichen Verantwortungsmißbrauch vorwerfen, sobald es um Israel geht, verdeutlicht ebenso wie der Blogbeitrag „So wird man Nahostkorrespondent“ von SoE, dass über den humoristisch-polemischen Versuch hinaus die Notwendigkeit nicht ernst genommen wird, dass durch mediale Fairness vorgebeugt werden kann, dass es zu dem negativen Shift der Wahrnehmung Israels und somit zu den Debatten, wie wir sie erleben müssen, kommt.

Doch es gibt Grund zur Hoffnung, denn die Auswahl folgender sehr empfehlenswerten Autoren, Experten und Journalisten könnte nicht zuletzt ihren voreiligen Kollegen Denkanstöße anlässlich der aktuellsten, und sicher nicht letzten, deutschen Antisemitismus-Debatte bieten:

Tania Martini – Der Wunsch nach Zäsur (taz, 18.1.13)
Micha Brumlik – Das ist Antisemitismus  (JAZ, 17.1.13)
Avrum Burg – Erlaubnis für Hass (Süddeutsche, 17.1.13)
Ingo Elbe im Interview – Antisemitismus durch Andeutung (ksta, 17.1.13)
NDR-Fernsehbeitrag – Ringen um das richtige Wort (incl. 3 Video-streams, 16.1.13)
Prof. Dr. Dr. Gunnar Heinsohn – Erziehung nach Augstein (achgut, 16.1.13)
Timo Stein – Antisemitismus beginnt nicht mit dem Holocaust (Cicero, 16.1.13)
Samuel Salzborn – Dämonisierung mit dem Ziel der Delegitimierung (Welt, 16.1.13)
Matthias Matussek – Meine Stunde als Antisemit (Welt, 15.1.13)
Deniz Yücel – Mit fettarschiger Selbstzufriedenheit (taz, 15.1.13)
Dr. Mathias Küntzel – Jakob Augstein und der Israelkomplex (Welt, 14.1.13)

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Wenn also der Großteil der Medienmacher beginnen könnten aufzuhören, mit ihren faktisch falschen oder tendenziös eingefärbten Berichten und Kommentaren, teils grenzend an Verleumdung und Hetze, die Basis für ein grundsätzlich so negatives Israelbild zu verbreiten, sodass letzlich auch die übelsten Anschuldigungen und Unterstellungen bereitwillig geglaubt werden und Israel für alles Übel in der Region verantwortlich gemacht wird, so ließen sich neben den wirklich besorgniserregenden Themen in Nahost sowie die tatsächlich dringend benötigten Diskussionen über jene hiesigen verqueren Köpfe, die bei ihrer „Israelkritik“ über jedes erträgliche Maß hinaus in die antisemtischen Rhetorik- und Ressentimentschubladen greifen, führen.

Daher an dieser Stelle eine Vorschau auf das wohl wichtigste Forschungswerk zum Thema: Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert

Und bevor wieder die Behauptung bemüht wird, „man dürfe Israel nicht kritisieren, ohne Antisemit genannt zu werden“, hier die unmittelbare Antwort darauf vom Botschafter des Staates Israel: Über Kritik, Moral und Manipulation

Veröffentlicht am Januar 12, 2013, in Antisemitismus, Israelkritik, Medienverzerrung. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

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