Iran oder Israel – wer ist die größere Bedrohung?

Die Debatte zu dieser Frage tobt, weltweit (Nachtrag 4.4.12: … und nicht erst seit Günter Grass‘ Gedicht – siehe Ende des Textes). Deshalb wird der Frage nach der Bedrohung durch Israel vs Iran hier ausführlich mit kompetenten Texten nachgegangen.

Benny Morris erklärt in der LA Times  Iran and Israel: Who’s the bigger threat?,  warum man die israelischen und iranischen Atomwaffen nicht vergleichen kann.

Er liefert damit einen Nachtrag, denn zuvor erhielt er auf seinen Artikel vom 14.2.2012  On Iran, a stark choice anscheinend ebengleiche massive Vorwürfe von Lesern, die auch in allen anderen Medien auf ähnlich starke Meinungsartikel in den Leserbriefen und „talkbacks“ folgen, sobald ein Autor eine „Iran muss gestoppt werden, bevor es zu spät ist“-Auffassung vertritt, ganz zu schweigen, was sich auf politischem und diplomatischem Parkett abspielt.

Jenem eigentlich nur einzigen Einwand, was denn so falsch daran sei, wenn Israel, jedoch nicht Iran Atomwaffen haben dürfe, begegnet Morris mit dem Hinweis auf einen einzigen wesentlichen Unterschied zwischen einem nuklear bewaffneten Israel und einem nuklear bewaffneten Iran: Das iranische Regime ist schlecht. „Seit Mahmud Ahmadinedschads betrügerischer Wiederwahl im Jahr 2009 wird das eigene Volk durch das Regime angegriffen und ermordet. Es unterstützt Terroristen über seine Grenzen hinaus, auch gegen Israel mit offener Vernichtungsbedrohunng.“ Im Vergleich dazu habe Israel, auch wenn es massiv angegriffen wurde, noch nie Atomwaffen verwendet oder gedroht es zu tun. Israel habe überhaupt noch nie seinen Nachbarn mit Zerstörung gedroht.

Der Vergleich der beiden Länder – einer Demokratie und einer totalitären theokratischen Diktatur – sei dumm und habe den Beigeschmack des moralischen Relativismus, so Morris.

„Meine Logik ist einfach: Diplomatie und Sanktionen haben das iranische Atomprogramm nicht gestoppt. Wenn es nun militärisch nicht gestoppt wird, wird der Iran in naher Zukunft Atomwaffen haben.
(…)
Sobald der Iran seine eigenen Atomwaffen entwickelt, wird sicherlich ein Atomkrieg folgen – und nicht unbedingt zwischen dem Iran und Israel (obwohl diese Konfrontation die wahrscheinlichste ist). Saudi-Arabien, Ägypten und die Türkei werden alle versuchen, ihre eigenen Waffen zu entwickeln: auf die iranische Nuklearisierung wird in kurzer Zeit die Verbreitung von Atomwaffen im gesamten Nahen Osten folgen. Und dann kann in der derzeitigen instabilen Realität dieser Region – und das ist fast sicher – alles passieren.“

Am 13.2.2012 erschien zur Moral-Falle hinsichtlich des Bedrohungsvergleichs Israel vs. Iran ein lesenswerter Artikel von Jonathan S. Tobin: The Israel-Iran Moral Equivalence Trap: “The first problem with this equation is that Iran and its various terrorist auxiliaries need no new excuse to attack Israelis or Jews. Groups like Hamas and Hezbollah have been doing this for many years. When it comes to the question of whether or when Iran, Hamas and Hezbollah will strike, the assumption ought to be they are doing their worst at all times. Second, and more important, is that squeamishness about the attacks on Iranian scientists is entirely misplaced if not completely disingenuous.”

Und am 11.11.2011 stellte Richard Herzinger in seinem Artikel klar, „Warum Israels Atombewaffnung mit der Irans unvergleichbar ist“: „Über das israelische Atomarsenal sollte und darf erst geredet werden, wenn alle Staaten in der Region das Existenzrecht Israels völkerrechtlich verbindlich anerkannt haben und die territoriale Sicherheit des jüdischen Staates international garantiert ist. Alles andere würde die Sicherheit in der Region nicht vergrößern, sondern diverse Akteure in Versuchung führen, erneut über die Möglichkeit einer kriegerischer Aggression gegen Israel nachzudenken.

Die iranische Atomrüstung hingegen stellt eine sicherheitspolitische Bedrohung ersten Ranges für die gesamte Region dar. Sie muss im Interesse aller unverzüglich gestoppt werden.“

Zitate des iranischen Regimes gegen Israel (ADL, AJC, AP, JP) bzw.

Was Ahmadinedjad wirklich gesagt hat (ZEIT) bzw.

Die umstrittene Rede Ahmadinedjads im Wortlaut (bpb) bzw.

Dossier: Ahmadinejad über Israel (Transatlantic-Forum) bzw.

Die iranische Regierung in ihren eigenen Worten (JerusalemCenter)

und zur Demonstration der iranischen Absichten ein Video von Vielen.

 

Es sind nicht Wenige, die in vereinter Sorge in die falsche Richtung warnen und appellieren und Israel als den Aggressor deuten; es sind sogar Viele, die ganz angstblind vor einem Militärschlag Israels sind und nicht verstehen, dass ihre Meinung, Iran auch Atomwaffen zuzugestehen, falsch sein könnte.

Zudem liegen sie in ihrer Befürchtung, Israel wolle Iran um jeden Preis angreifen, falsch:

Israel möchte unter allen Umständen lieber nicht zu einem militärischen Schlag gleich welcher Art greifen müssen sondern ruft zu einer internationalen Koalition für Sanktionen gegen Irans Nuklearprogramm auf, bei jeder Gelegenheit, und zwar seit vielen Jahren:

Zitate israelischer Regierungsvertreter zur iranischen Bedrohung seit 2006

sowie das jüngste Interview mit Ministerpräsident Netanyahu zu Grass, der iranischen nuklearen Bedrohung, dem Arabischen Frühling (22.4.12).

Avigdor Liberman beispielsweise drängt auf internationale Unterstützung sowie „strenge und lähmende“ Sanktionen, die einen Militärschlag verhindern können: „Die Sanktionen müssten die iranische Zentralbank sowie die Erdölexporte des Landes betreffen. Sollten die USA keine Schritte in Richtung solcher Sanktionen machen, bedeutet das, dass sich die Amerikaner und der Westen mit einem nuklear bewaffneten Iran abfinden,“  während Shimon Peres warnt, dass, wenn die Amerikaner und der Westen sich damit abfinden werden, Israel dies nicht tun werde – aber eben auch erst dann:  „Der Staat Israel ist ein unabhängiger, souveräner Staat und hat das Recht, sich zu verteidigen. Wenn wir sagen, alle Optionen liegenauf dem Tisch, dann meinen wir es.“

Um nocheinmal deutlich zu machen, wie konträr die Positionen Irans dazu sind und weshalb er niemals Atomwaffen in seine Hände bekommen und diese schon gar nicht an seine von ihm unterstützten Terrororganisationen weitergeben darf, ein Ausschnitt aus dem Beitrag von dem Iran-Experten Wahied Wahdat-Hagh: „Eine objektive Pflicht“: Iranischer Ex-Gouverneur fordert einen Präventivschlag gegen Israel:

Alireza Forqani, bis Januar 2012 Gouverneur der Insel Kish, hat in einem Beitrag für die iranische Nachrichtenagentur Alef einen Angriffskrieg gegen Israel religiös begründet. Er fordert die Regierung von Ahmadinejad auf, noch in ihrer Amtszeit bis 2014 Israel anzugreifen und zu zerstören. Der Iran könne mittels seiner Mittel- und Langstreckenraketen innerhalb von neun Minuten Israel gänzlich zerstören. Unter dem Abschnitt “Widerstand gegen die israelische Eroberung der palästinensischen Gebiete” leugnet Forqani das Existenzrecht Israels und bezeichnet es als ein “künstliches Regime“. Israel sei ein “Krebsgeschwür“, das die Besetzung von weiteren islamischen Regionen plane.

Er betont immer wieder, dass ein militärischer Angriff gegen Israel lediglich der “Verteidigung der palästinensischen Muslime” und der Vermeidung der Schäden, die eine Expansion Israels anrichten könnte, diene. Forqani meint, dass ein militärischer Angriff auf Israel eine “objektive Pflicht” sei, weil das “künstliche zionistische Regime expansiv ist und auf jeden Fall den Muslimen der Welt schadet“.

Es sollte daher nicht aus den Augen verloren werden, dass das iranische Regime unbeirrt an seinem Atomprogramm festhält:

Zehn Gründe, die zeigen, dass Iran die Bombe will von Bruno Tertrais

Clemens Wergin zur diesjährigen Herzliya-Konferenz und andere Einschätzungen, warum Iran eine akute Gefahr darstellt:

“ … Jedes Jahr kommen bei der Sicherheitskonferenz in Herzlija Experten aus der ganzen Welt zusammen und messen die Temperatur der kränkelnden Nahostregion. Und die ist diesmal besonders hoch. Die Israelis sehen sich eingekreist von einer islamistischen Welle, die immer mehr arabische Länder erfasst. Dazu kommt das iranische Atombombenprogramm, das, so viele Fachleute, in diesem Jahr in die entscheidende Phase eintritt. …“
Zum vollständigen Text von Clemens Wergin,  3. Februar 2012

Es gibt viele Argumente gegen einen Angriff der Israelis auf den Iran. Dennoch gibt es gegenteilige Meinungen wie des Historikers Niall Ferguson: Ein Präventivkrieg gegen Iran ist das kleinere Übel

„Der Krieg ist ein Übel. Aber manchmal ist ein Präventivkrieg ein kleineres Übel als eine Politik der Beschwichtigung. Wer das noch nicht begriffen hat, verdrängt noch den Preis, den wir alle zahlen werden, wenn sich der Iran Atomwaffen zulegt. Man kommt sich vor wie am Vorabend einer kreativen Zerstörung.“

Zum vollständigen Artikel von Niall Ferguson vom 11. Februar 2012

Wahied Wahdat-Hagh,  wissenschaftlicher Mitarbeiter der European Foundation for Democracy (EFD) in Brüssel, über Iran:

Iran: „Ein Modell des islamischen Widerstandes“

Historische Entwicklungen kann man nicht voraussehen, aber Diktaturen sind immer irgendwann überwunden worden. Der Irak wurde von einer Diktatur befreit. Wenn der Iran eines Tages frei sein wird, werden auch die Iraner nicht nur nach Kirbala sondern auch frei nach Jerusalem reisen können.    Ganzer Text …

Iranischer Antisemitismus auf Deutsch

Die Propaganda des iranischen Regimes zielt nicht nur auf die eigene Bevölkerung. Der Sender „Islamic Republic of Iran Broadcasting“ (IRIB) kann weltweit empfangen werden, er sendet in deutscher und in weiteren 26 Sprachen. Das deutsche Programm von IRIB zeichnet sich durch antisemitische Hetze aus.    Ganzer Text …

Aktueller Überblick über die Holocaustleugnung, den Antisemitismus und die Vernichtungsdrohungen gegen Israel aus dem Iran:

26.8.11: Ahmadinejad leugnete erneut das Existenzrecht Israels und rief zu dessen Zerstörung auf. Aber auch das iranische Pseudoparlament (Majless) rief zur Teilnahme an der Al-Quds Demonstration auf.

6.6.11: Am 5. Juni 2011 haben iranische Politiker den Todestag von Ayatollah Khomeini zum Anlass genommen, das Ende Israels heraufzubeschwören. Für Ahmadinejad ist die Forderung nach der Zerstörung Israels eine „heilige Parole“.

9.8.11: Die staatliche Nachrichtenagentur des Iran (IRNA) leugnete erneut den Holocaust. Sie bezieht sich dabei auf den Revisionisten Roger Garaudy. In einem Artikel vom 1. August 2011 kritisierte IRNA mit bekannten antisemitischen Schablonen die „Aktivitäten der weltzionistischen Propagandamedien“.

Weitere Quellen mit aktuellen Informationen und Texten über Iran:

Audiatur online

Realité-EU

Stop the Bomb

TIP

Matthias Küntzel

HC Iranforschung

The Iranian Threat

Iran Daily Brief – Newsletter

und auf den Websites unter der Blog-Rubrik „Fakten und Analysen“.

Nachträge: 

* 19.3.2012: Interview von Claus Kleber mit Ahmadinejad

* Herr Gessler von der taz am Folgetag hatte nicht Unrecht: „Kleber hätte Ahmadinedschad widersprechen müssen, als er den Holocaust leugnete – so viel Zeit muss in einem 45-minütigen Interview sein. Denn der Judenhass, das zeigte dieser Abend zufällig, aber treffend, äußert sich zuerst in Gedanken, dann in Worten, schließlich in Taten. Ahmadinedschad wird diese Regel bestätigen.“

* Für den ohnehin bitteren Nachgeschmack ein anderer Blick auf das Regime, das Syrien für sein aktuelles Vorgehen gegen das eigene Volk lobt

* Ein Bonbon für die Zweifler zum Abschluss, die sich vehement daran festhalten wollen, Israel wolle das iranische Volk auslöschen: Nicht nur Peres, sondern auch ein israelisches Paar startete eine Welle der Friedensbotschaften des israelischen Volkes an das iranische Volk: ISRAEL LOVES IRAN.

* 3. April 2012: Der Iran hat zum ersten Mal zugegeben, ein Atombombenprogramm zu verfolgen und kurz vor der Bombe zu stehen – und kaum jemand hat es bemerkt. Überbringer der Nachricht ist Hossein Mousavian, ehemaliger iranischer Botschafter in Deutschland und von 2003 bis 2005 Sprecher der iranischen Verhandlungsdelegation in Sachen Nuklearprogramm. Mousavian, der zurzeit mit einem Stipendium an der Universität von Princeton forscht, hat am 31. März einen Gastkommentar im Boston Globe geschrieben, so Clemens Wergin in der WELT.

* 4. April 2012ff zur „Causa Grass“: Günter Grass widerspricht all dem in diesem Blogbeitrag Zusammengestellten in einem exemlarisch die tatsächliche Situation ignorierenden, stereotyp antiisraelischen Gedicht. Eine nur winzige Auswahl ausführlicher Repliken dazu, die alle exakt auf die Verkehrung der Bedrohungslage und die Faktenblindheit der „Israelkritiker“ zu eben dieser Thematik eingehen:

WELT Die faktenfreie Wahnwelt des Günter Grass und Themenseite Günter Grass

SPIEGEL So falsch liegt Günter Grass

FOCUS Grass hat in gravierender Weise Kontrollverlust erlitten

TAGESSPIEGEL Günter Grass – ein Kreis schliesst sich

FAZ Eine Erläuterung – Was Grass uns sagen will

Weiter zu dem Thema Grass geht es hier.

Veröffentlicht am Februar 26, 2012, in Iran. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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