Momentaufnahme: Antisemitismus in Deutschland I – Januar 2013

 

Der Berliner Tagesspiegel leitete seinen Artikel „Du Jude“ zum Thema Antisemitismus in Deutschland vom 29. Januar folgendermaßen ein:
„Es war eine sehr deutsche Woche: 70. Jahrestag der Wannsee-Konferenz, Holocaust-Gedenktag und die Veröffentlichung einer neuen Studie zum aktuellen Antisemitismus. Sie zeigt: Der Hass ist immer noch weitverbreitet, virulent, aktiv. …

Nicht Wenige werden dem Artikel kopfschüttelnd Unglauben geschenkt haben, denn wie kann im Jahr 70 nach der Wannseekonferenz  – und nach gefühlten Hundert Antisemitismusdebatten – so etwas sein.

Aber noch mehr werden sicher mit „Paule“ konform gehen, sofern sie den Artikel und insbesondere die verschiedenen Talkbacks unter dem online-Artikel lesen, die geradewegs in den artverwandten Anti-Zionismus und Israelhass schliddern, wie z.B. von eben diesem „Paule 29.01.2012 15:34 Uhr“:

„Der von Ihnen viel beschworene Antisemitismus ist meiner Meinung nach nichts weiter als ein Hebel der sehr erfolgreich immer wieder angesetzt wird um Panzer, Uboote oder peinliche Solidatitaetsadressen an einen Staat rauszukitzeln der alles andere als die Solidaritaet eines humanistischen und friedliebenden Deutschlands verdient.
In diesem Sinne ist es kein Antisemitismus wenn wir unseren Freunden, den Israelis, mitteilen das uralte Gottheiten keine Rechtfertigungen fuer die unglaublichen Verbrechen der sog. Siedler in Palaestina sind.“

Der jüngst veröffentlichte Antisemitismusbericht des Expertengremiums hatte erstaunlicherweise bei seinen Untersuchungen aber auch das im Blick: (…) Seit Beginn der Zweiten Intifada im Herbst 2000 legt die Entwicklung den Schluss nahe, dass es heute legitim, manchmal sogar en vogue erscheint, eine antiisraelische/antizionistische Haltung einzunehmen.“ (…)

Und wer noch immer an „Übersetzungsfehler“ der in Betracht gezogenen israel“kritischen“ Haltungsäußerungen glauben mag, oder seine eigene dem vergleichbare Haltung gegenüber Juden und Israel in keiner Weise verdächtig findet, dem erklärt eine sprachwissenschaftliche Untersuchung von Prof. Monika Schwarz-Friesel in „Aktueller Antisemitismus – ein Phänomen der Mitte“  die antisemitische Eindeutigkeit hinter so manchen nur unzureichend getarnten „Unmutsäußerungen“ über Juden und Israel.

Sollte es tatsächlich so sein, dass manch einer sich dann immer noch nicht ganz sicher ist, ob er verstanden hat, was denn nun dieser Antisemitismus und damit verbundene Anti-Zionismus und Israelhass ist ( – in der Stern-Umfrage von letzter Woche kam heraus: Jeder Fünfte Deutsche im Alter von 18 bis 29 Jahren kann nichts mit dem Begriff Auschwitz anfangen – ), hier die EUMC Working Definition of Antisemitism oder noch einmal der 3-D-Test von Nathan Sharansky.

 

Momentaufnahme Antisemitismus am 31. Januar 2012? Leider nur das ewig gleiche scheußliche beängstigende Standbild der gefährlichen Fratze Antisemitismus – und nach wie vor sind Schlussfolgerungen wie die von dem israelischen Diaspora-Minister Yuli Edelstein in Belgien unverändert zutreffend, nämlich „dass Antisemiten heute einfach den Begriff «Juden» durch «Zionisten» oder «Israeli» ersetzen. Sie verbreiten irgendwelche Hetze und nennen es politische Debatte.“

 

Hervorragende Beiträge zum Stand des Antisemitismus, der mit ihm transportierten grenzüberschreitenden „Israelkritik“ und der Delegitiemierungskampagne gegen Israel gab es auch auf dem 2. Deutschen Israelkongress in Frankfurt (Blogbeitrag vom 3.11.2011) sowie in diesem Blogbeitrag zum Thema Antisemitismus und „Israelkritik“.

 

Soweit eine kurze Momentaufnahme mit einigen erhellenden Links zur Lektüre.
Doch zu lernen, dass Antisemitismus und Antizionismus nicht maßgeblich voneinender entfernt liegen, in allen Gesellschaftsschichten und politischen Ecken und im Mainstream und in der Elite zu finden ist, und sich der heutige Antisemit gern als „Israelkritiker“ kaschiert dem eigenen Judenhass Luft macht, ist erst der erste Schritt…

 

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Nachträge

19. Februar 2012  – Melody Sucharewicz in der Berliner Morgenpost, zuvor erschienen in der Haaretz„Die Monster müssen bekämpft werden“.

31. März 2012 –  Feindbild Israel: Wie das Gewitter in der Wolke
„Die Verhältnisse haben sich gewandelt: Der doktrinäre, rassistische Antisemitismus der Nazi-Zeit ist durch den Holocaust heute weitgehend diskreditiert – der neue Antisemitismus tarnt sich vielfach mit der Maske legitimer antizionistischer Israel-Kritik. „Man wird doch noch Kritik an Israel über dürfen“ heißt es dann, meint aber damit etwas ganz anderes. Denn hinter der vermeintlichen Israel-Kritik verbirgt sich nicht selten eine „Dämonologie“ des jüdischen Staates. (…)“

 

April 2012 – zur „Causa Grass“ reicht eigentlich nur dieses Radio-Interview mit Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel: „(…) Man muss ganz objektiv feststellen, dass Grass tief in Verbalisierungsmechanismen von modernem Antisemitismus gegriffen hat. (…)“ sowie der Artikel Grass macht die Antisemiten endlich modern: „Günter Grass hat die Antisemitismus-Debatte auf den neuesten Stand gebracht. Der Nobelpreisträger schafft es, die Verbrechen der Nazis zu relativieren, ohne sie zu verharmlosen“ als auch Grass schreibt, was die deutsche Mehrheit denkt.

 

Und wer Zahlen sehen möchte, wie es um deutsche Haltungen gegenüber Juden und Israel lesen möchte, schaue sich die Studien in der Rubrik „LESBAR“ an.

Veröffentlicht am Januar 31, 2012, in Antisemitismus, Israelkritik. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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